(Auszug aus dem Vortrag von Dr. phil. Bernhard A. Grimm auf dem Logotherapie - Fachkongress "Sozialethische Dimensionen in der Wirtschaft. Werteorientierung und Sinnsuche in der Wirtschaft im Geiste der Logotherapie nach Viktor Frankl" am 7.6.2008 im Kulturzentrum Fürstenfeld in Fürstenfeldbruck bei München.)
Wer sich selbst zur Hauptsache geworden ist, findet aus der Angst um sich selbst nicht mehr heraus. Das ist eine Form von Egomanie, der viele Manager anheimfallen, wenn sie auf der Karriereleiter Erfolg haben. Zu diesem egomanischen Verhalten gehört die völlige Immunität gegenüber Selbstzweifeln und fremder Kritik.
Egomanie ist im Prinzip die Abwehr jeglicher Einsicht in die eigene Zwiespältigkeit, Konflikthaftigkeit und Begrenztheit durch Selbstüberschätzung und Bemächtigungsgehabe. Sieger-Mentalität, Karriere-Besessenheit und Größenphantasien sind in der Regel Eigenschaften, die narzisstisch gestörte Persönlichkeiten den Weg in die Schaltzentralen der Macht ebnen, in der irrigen Meinung, wahre Größe sei nur dort vorhanden, wo man ständig herausschreit, dass sie dies sei.
Es fällt mir schwer, hier den ethisch orientierten Menschen zu finden als einen, der sittliche Werte sieht und erkennt und als handlungsleitende Prinzipien internalisiert, sie also zu verwirklichen sich bemüht. Und wenn dies, nämlich Gutes zu tun, leicht von der Hand geht und nicht gleich ein riesiges Entscheidungsdrama oder ein Staatsakt wird, dann sprechen wir von Tugend.
Wenn ich Ethik als Tugendlehre propagiere, stoße ich vielleicht rasch auf Missverständnisse, Vorurteile und Ablehnung, da man gerne tugendhafte Menschen als weich und weltfremd, als frömmelnd und verstaubt abwertet. Das mag durchaus daran liegen, dass man Tugendlehre zumeist im religiösen Leben, im asketisch-monastischen Bereich und vornehmlich im Schoße der Kirche beheimatet wissen will. Das ist zweifellos einseitig und falsch, aber, wie dem auch sei, sowohl im modernen Ethikdiskurs als auch in der Psychologie von heute wird ein ganz gerüttelt Maß an Wert gelegt auf stabile Einstellungen und Orientierungen, die ihren Ursprung in dem haben, was wird Tugend nennen als eine psychische oder psychosoziale Disposition, die uns zu einem Handeln gemäß den ethischen Grundsätzen und Imperativen geneigt macht.
Sittliche Tugenden zu erwerben ist eine Grundfrage und ein Grundanliegen der Ethik, und wer ethisch verantwortet führen will, kann es nicht darauf ankommen lassen, im hektisch-brutalen Alltagsgeschäft des Führungsprozesses immer erst mühsam unter Erwägung und Abklärung aller Pros und Kontras und der Sympathie- und Antipathiefelder sich immer wieder neu eine sittliche und menschliche Entscheidung abzuringen, ja geradezu abzuwürgen. Nach klassischer Version und Definition ist Tugend eine Leichtigkeit, die man erworben hat, um gut zu handeln - diese Geneigtheit jedoch, sittlich gut handeln zu wollen und zu können, ist nicht ursprünglich frei verfügbarer Besitz eines jeden Menschen, sondern muss erlernt, erworben und eingeübt werden. Tugenderwerb ist fürwahr Persönlichkeitsbildung!
Tugend, auch die der Demut und Bescheidenheit, ist zunächst zu begreifen als Tauglichkeit und Fertigkeit zu werthaftem Verhalten. Man darf hier nicht die griechische Herkunft der abendländischen Tugendlehre ignorieren, und die antike "areté" - lt. virtus - meint zunächst die Fähigkeit und das Vermögen, eine bestimmte Leistung zu vollbringen, die als werthaltig gilt und in deren Verwirklichung die Wesenserfüllung des handelnden Subjekts liegt. So liegt die Tugend eines Pferdes in seiner Stärke und Schnelligkeit, die eines Messers in seiner Schärfe.
Bereits unter Sokrates und dann in der Schule Platons setzt eine Vergeistigung und Verinnerlichung des Tugendbegriffs ein, so dass Tugend nunmehr zu einer Eigenschaft des inneren Menschen, des Charakters und der Gesinnung, des geistigen Habitus wird, der final auf die Realisierung von Werten gerichtet ist, beispielsweise der Tapferkeit und Selbstbeherrschung, der Weisheit und Gerechtigkeit.
Vornehmlich Aristoteles verdanken wir eine auch heute noch brauchbare Tugendlehre, und nach ihm haben wir alle die natürliche Anlage zum vollkommenen Menschseins in uns, aber wir müssen etwas tun, dass sie nicht verschüttet und verkehrt wird. Bei dieser Anlage handelt es sich einerseits um verstandesmäßige Fähigkeiten wie Intelligenz, schnelle Auffassungsgabe, logisches Denken und auch Weisheit, andererseits aber um charakterliche Vorzüge. Beides nun muss in einem fortwährenden Prozess des Lernens, Erziehens und Übens erst zu Entfaltung gebracht werden. Nur wenn dieser Prozess gelingt, kommt die gute Basisanlage zur Entfaltung, dann entwickelt sich aus Person eine sittliche Persönlichkeit, dann erwerben wir das, was Aristoteles mit dem Zentralbegriff der Tugend bezeichnet.
Tugenden erwerben, das heißt dann für Aristoteles, jenes so vollkommen wie möglich auszubilden, was ursprünglich in uns als Anlage ist und durch Entwicklung, Entfaltung, Übung und Gewöhnung uns zum wahren Menschsein befähigt. Tugenden erwerben wir, indem wir uns daran gewöhnen, auf eine bestimmte Weise mit all dem, was uns passiert und widerfährt, und mit all unseren eigenen Gefühlen, unserem Wollen und unseren Bestrebungen und Antrieben umzugehen.
Mit anderen Worten präzisiert:
Sittliche Tugend bedarf der Gewöhnung und sie verleiht unserer Persönlichkeit eine Tendenz, auf die wir uns selbst und auf die die anderen sich verlassen können. Diese Tendenz zu handeln, diese Disposition oder fundamentale Geneigtheit zu handeln, nennt Aristoteles "hexis", einen habitus also, eine Haltung, die, durch viele Einzelakte erworben, gleichsam zum Handlungsstandard "gefroren" wurde.
Ex actu fit habitus - aus Handlung wird Haltung! Eine Gewohnheit kann eine herrliche Entscheidungserleichterung sein - und sie zu haben, bedeutet, sich nach einen geschliffenen Muster zu verhalten, das heißt: man reagiert, ohne die ganze Angelegenheit von vorn nach hinten und nach allen Seiten hin und wieder zurück durchdacht zu haben. Man beherrscht etwas "wie im Schlafe" - so lässt sich auch einüben und zur Haltung ausformen, Gutes zu tun und sittlich verantwortet zu handeln.
Aristoteles bestimmt die Tugend als ein Mittleres zwischen zwei Extremen, und diese Extreme, die von zwei Seiten her - nämlich der eines Zuviel und der eines Zuwenig - das richtige Handeln gefährden, sind zu vermeiden. Dies ist die berühmte Mesótes-Lehre, deretwegen Aristoteles häufig angegriffen wurde, weil man ihn missverstand und seine Einschränkungen ignorierte.
Wenn er Tugend als ein Mittleres verstand, dann hat er nicht die Trivialität des goldenen Mittelwegs gemeint - mit Mittelmäßigkeit hat Tugend nichts zu tun, sie ist auch nicht mittig im streng mathematischen Sinne. Die Tugend ist vielmehr ein Mittleres zwischen den Extremen dem Seinswert nach - nach der ethischen Wertigkeit ist sie ein Absolutes, über das hinaus es kein Zuviel geben kann.
Wenn in der Tugend ein Zuviel vorhanden ist, dann ist sie schon keine Tugend mehr. Tugend ist wie eine Gratwanderung, jedenfalls sehr schwierig, was uns jedoch nicht davon abhalten darf, wenigstens Approximativwerte zu erzielen und Dispositionen in uns auszubilden, Einstellungen und Orientierungen, die generell handlungsrelevant sind und uns fundamental geneigt machen, ethisch gut zu handeln und ethisch Verwerfliches zu unterlassen.
Was die Mittigkeit anbetrifft, so liegt beispielsweise die Tugend der Besonnenheit, der Selbstbeherrschung und der Zucht und des Maßes zwischen der Zügellosigkeit einerseits und der Gefühlsstumpfheit andererseits - die Tapferkeit ist platziert zwischen Tollkühnheit und Feigheit - die Großzügigkeit zwischen Geiz und Verschendung - die Demut zwischen serviler Unterwürfigkeit, Minderwertigkeit und Kleinmütigkeit, opportunistischer Duckmäuserei und Kriecherei einerseits und Selbstherrlichkeit und Selbstüberheblichkeit, Arroganz, blinder Machtanmaßung und Dominanzallüre andererseits.
Ein gutes Zeichen jedenfalls, dass wir die Mitte gefunden haben, ist, wenn es Kraft und Anstrengung erfordert, sie einzuhalten, und wenn eines der Extreme bequemer zu tun wäre. Im Bemühen um sittliches Handeln ist das Fallen in Extreme jeweils Zeichen von Schwäche, weil nach Aristoteles die Mitte gewissermaßen Ende und Äußerstes ist. In medio stat virtus - in der Mitte steht die Tugend, sagt auch Thomas von Aquin, und man wird ihm wohl nicht widersprechen wollen.
Die komplette Rede ist auf der Internetpräsenz von Dr. phil. Bernhard A. Grimm einsehbar:
http://www.dr-bernhard-grimm.de/rede-kon
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Presse: Online-Redaktion, Winfried Brumma, München
http://www.wbrnet.info/presse.html
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Andreas Wingartz - An mir führt kein Weg vorbei. Humane Gesichtspunkte einer zeitgemäßen Führung
EOS-Verlag, St. Ottilien 2007, 145 Seiten, € 14,80, ISBN 978-3-8306-7291-3
Angesichts von zahlreichen Korruptionsmanagern, die uns die Medien in unseren Tagen permanent in unseren Alltag schwemmen und deren Gier so grenzenlos zu sein scheint wie ihre Spitzenfunktion, ist jedes Buch emphatisch zu begrüßen, das Unternehmensführung auf eine ethische, auf eine humane Basis zu gründen versucht und hierfür ein sinn- und wert(e)orientiertes Menschenbild zugrunde legt.
Dies gilt uneingeschränkt auch für das Buch von Andreas Wingartz, das im ersten Teil (S. 23-88) gekonnt den Menschen als sinn-suchendes und ent-scheidendes, als freies und verantwortliches Wesen zeichnet, die Entscheidungsprozesse der Unternehmensführer als Wertediskussionen kennzeichnet und die oftmals ego-manen Selbstverwirklichungs-Tendenzen zurückbindet auf Sinn- und Werteverwirklichung, Selbstverwirklichung also sieht als Resultat und Erfolg des Strebens nach Sinn und Werten.
Eine humane Unternehmenskultur möge sich zu einer Kommunikationskultur wandeln, und die ist das Ergebnis der Persönlichkeitsbildung eines Menschen, ein Aspekt, den Wingartz nicht auslässt, jedoch nicht ausführlich genug expliziert. Er versucht freilich beredt, nicht nur den Themenkreis Humanität und Wirtschaftlichkeit zusammen zu bringen (Wirtschaftlichkeit trotz Humanität, besser gesagt, Wirtschaftlichkeit durch Humanität, S. 9), sondern auch die zwei wichtigsten Elemente, die Lebensführung und Unternehmensführung zu verbinden vermögen, explizit zu benennen, nämlich Werteorientierung und Sinnzentrierung.
Wer jedenfalls als Führungsverantwortlicher nicht bereit ist, etwas für seine eigene Persönlichkeit zu tun, ist schlicht und einfach unqualifiziert, mag er auch noch so viele Diplome oder andere Leistungsnachweise besitzen. Es ist ein unabdingbares Muss für jeden Führenden zu prüfen, welche Persönlichkeitsauswirkung er ausübt und was daran im Sinne der Menschlichkeit und der Vertrauensbildung zu verändern ist.
Ethisch, und damit auf der Linie zum Humanum, ist eine Unternehmenskultur, wenn sie die Entwicklung eines Wertbewusstseins in der menschlichen Persönlichkeit zum Inhalt hat. Das heißt: Das auf der Basis einer konstruktiven Gewissensbildung erworbene und entwickelte Maß an Sittlichkeit ist die Vorbedingung für die Wertschätzung und Würde in der Kommunikation - sie lässt Freiheit zu, wie sie auch für sich Freiheit einfordert: Führen (also) durch Wertschätzen, ein Gedanke, der sich durch das ganze Buch virulent durchzieht und nicht nur im Themenkreis Wie kann echte Führung gelingen? (S. 92-96), Der Mensch steht im Mittelpunkt (S. 96-99) und Über die Motivation (S. 108-115) anklingt. Es ist fürwahr unbestritten, dass wichtig an einem Unternehmen nur die Menschen (sind), die dafür arbeiten, und der Geist, in dem sie es tun (H. Nordhoff) oder mit R.K. Sprenger gesagt: Die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
Natürlich zeichnet Wingartz in beiden Teilen seiner Arbeit (im zweiten Teil erweist er sich als wahrer Kenner der Unternehmerszene! Vision, Mission, Strategie, S. 130- 133, Warum Werte wichtig sind, S. 133-145) ein idealtypisches Menschenbild, aber das ist gut so, denn schon Goethe hat die Idealtypik als ebenso richtig wie notwendig erachtet, wenn er uns ins Stammbuch schreibt: Wenn wir die Menschen so nehmen, wie sie sind, dann machen wir sie schlechter, als sie sind; wenn wir sie aber so nehmen, wie sie sein sollen, dann machen wir sie zum dem, was sie sein können.
Ein idealisierendes Menschenbild ist immer dort nötig, wo wir dem Menschen auf eine höhere (geistige) Ebene seines Menschseins elevieren wollen, jenseits der totalen Verhaftung im Psychophysikum seiner Triebstruktur, und dies gilt auch hinsichtlich eines sittlichen, d.h. humanen Anforderungsprofils von Verantwortungsträgern, also Führungskräften oder Unternehmensleitern, die sich durch soziale, ethische und interaktiv-kommunikative Kompetenz als führungsgeeignet auszuweisen haben.
Führen heißt letztlich nicht nur, sich auf den ganzen Menschen einzustellen, wobei die ganze Bedürfnis- und Erwartungspalette des Mitarbeiters ebenso zu berücksichtigen ist wie zu wissen, welche Werte ihm wichtig sind und was für ihn Sinn macht, sondern es muss auch mitbedacht werden, dass Führung, die sich irgendwie legitimieren will, an erster Stelle nachweisen muss, dass sie sowohl die Persönlichkeit des Führenden als auch die des Geführten eher entwickelt als zerstört.
Dann erst kann uneingeschränkt gelten: Verantwortetes Führen als Menschenführung muss in einer reifen Persönlichkeit verankert sein, was bedeutet, dass die Führungsfähigkeit in das Postulat einer kontinuierlichen Persönlichkeitsbildung eingebunden werden sollte.
Der Autor weiß sehr wohl, dass nicht jeder, der in der vorder(st)en Riege eines Unternehmens steht, von vornherein und eben deshalb auch schon menschlich reif (genug) ist, ein Führender zu sein. M.a.W.: Menschen, die nach ihrer sozial-hierarchischen Einstufung Führungskräfte sind, bedürfen selbst noch stark der Führung, oder anders gesagt: Wer Menschen führen will, möge gelernt haben, sich selbst zu führen, wie dies bereits Peter F. Drucker ausformuliert hat: Nur wenige Führungskräfte sehen ein, dass sie letztlich nur eine einzige Person führen können und auch müssen.
Diese Person sind sie selbst. Persönlichkeit ist eben nicht nur reine Vorgegebenheit, sie ist vielmehr eine Aufgabe! Nur wenn man dies ernsthaft bedenkt, vermag man Führung aus dem rein sub-humanen Sumpf herauszuziehen. Das Anliegen Wingartz, dies mit humane(n) Gesichtspunkten einer zeitgemäßen Führung zu bewerkstelligen, ist mehr als dankenswert.
Das vorliegende Buch, das auf mehreren Seiten auch noch weiterführende Literatur empfiehlt und sich in seiner Gedankenführung auf kompetente, jedoch nie aufdringlich anbiedernde Weise an der Logotherapie des Arzt-Philosophen Viktor E. Frank orientiert (Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn), ist sehr empfehlenswert und gehört in die Hand eines jeden, der Wirtschaft und Humanität, Sinn und Wert, Führung und Sittlichkeit zusammen zu bringen privilegiert ist.
© Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern / Web: http://www.dr-bernhard-grimm.de/
Autorenporträt:
Andreas Wingartz ist Qualitätsmanager und Betriebsleiter in einem mittelständischen Betrieb, und absolvierte Studien des Maschinenbaus und der Logotherapie.
Kontaktinformationen:
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH
82256 Fürstenfeldbruck, Geschwister Scholl-Platz 8
Telefon: 08141-18041, Fax: 08141-15195
E-mail: info@logotherapie.de
Presse: Online-Redaktion, Winfried Brumma, München
http://www.wbrnet.info/presse.html
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Rezension zu Erich Schechner / Otto Zsok - Sinn-Funken - Ein neues Menschenbild für die Wirtschaft
EOS-Verlag, St. Ottilien 2007, 189 Seiten, € 14,80, ISBN 978-3-8306-7289-0
Gleichwohl mit einem leisen Schmunzeln wie mit einem heftigen Bedauern sei an Karl Kraus erinnert, der von einem Studenten gefragt wurde, wie er denn Wirtschaftsethik studieren könne, und geantwortet hat: "Gar nicht - sie müssen sich schon für eines von beiden entscheiden".
Dieses zynische Missverständnis spiegelt mustergültig nicht nur die Diskrepanz zwischen Ethikanspruch und Lebensvollzug wider, sondern verweist auch deutlich auf den nach wie vor gängigen Widerspruch zwischen Ökonomie und Sittlichkeit, zwischen wirtschaftlichem Tun und moralischem Wohlverhalten, zwischen Unternehmensinteressen und allgemein ethischen Wertvorstellungen. Angesichts rigoroser Gewinnmaximierungstheorien und einer maßlosen Erfolgsbesessenheit, im Blick auf die endlose Huldigung an die Egozentrizität oder Ego-Manie oder Pleonexie (Daseinsgier) des Menschen und auf einen gnadenlosen Leistungsfetischismus sowohl in der Gesellschaft als auch im gesamten Wirtschaftsbereich werden wir einer Sensibilisierung für ethische Fragestellungen absolut nicht gewahr.
Wenn aber der Mensch definiert werden darf als wesentlich ent-scheidendes Wesen, was heißt, dass er permanent und dies täglich und sekündlich entscheiden muss, was er tut oder unterlässt oder was er wird, wenn das menschliche Leben insgesamt aus einer ununterbrochenen Abfolge von Entscheidungen besteht, dann muss durchaus die Frage sein, ob es jeweils in unser reines Belieben gestellt ist, wie wir uns entscheiden - es muss abseits reiner Willkür und Laune gefragt werden dürfen, ob es nicht doch objektive und allgemein gültige Normen, Werte, Ziele und Orientierungen gibt, die bei jeder Entscheidungsfindung zu berücksichtigen sind - es muss nach dem Menschenbild gefragt werden, das gesellschaftlich-wirtschaftliches Leben gestaltet und auf das die Gesellschaft und die Wirtschaftswelt zurückwirkt, prägend und belastend, destruktiv oder im besten Falle konstruktiv.
Es ist kaum hoch genug anzusetzen, wenn sich da zwei Autoren kompetent und feinsinnig auf den Weg machen, (doch noch Moral und) Sinnspuren in der Wirtschaft zu entdecken und im Wissen, wie sehr Menschenbilder den arbeitenden Menschen sowohl im Handeln als auch im Erleben - und dies in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, in Gesellschaft und im Unternehmen - nachhaltig prägen, einen Menschen zu zeichnen versuchen, in dem sich das spezifisch Humane widerspiegelt, nämlich Geistigkeit, Freiheit, Verantwortung und eine wesentliche Orientierung auf Sinn und Wert(e) ebenso wie auf das personale Gewissen.
Die Frage nämlich, was der Mensch in seinem innersten Wesen sei, kann nicht als irrelevant abgetan und an eine Psychologie oder Anthropologie abgetreten werden, die den Menschen nur als höheres Erdenmenschentier deklariert, das nur reagiert und sich abreagiert, also eingebunden ist in ein wirkmächtiges Arsenal aus Gier, Trieben und egozentrischen Wollungen aller Art, demnach nur eine mit psychischen Funktionsmustern durchwirkte elektrochemische Substanz ist, ein von Trieben und Bedürfnissen gesteuerter und steuerbarer Reaktionsautomat, eine Marionette, gezogen an den Schnüren aus Erbgut und Umweltweinflüssen.
Dagegen steht ein Menschenbild, das in freier Entscheidungsmächtigkeit und wesenhafter Bezogenheit auf Sinn und Wert(e) hin auf sich selber einzuwirken vermag (den Bedürfnissen trotzt!) und autonom in die Welt hinein agiert, und dies alles zu verantworten hat. Eine solche Sicht des Menschen "kann auch für eine humane Wirtschaft eingesetzt werden, um dem arbeitenden Menschen das Wesentliche zu geben, nämlich die Möglichkeit von Sinnerfüllung. Es ist ein Grundbedürfnis von uns, dieses Menschenbild in die Wirtschaft zu tragen" (S. 30).
Eine Wirtschaft, abseits von reinem Nützlichkeitsdenken und ausschließlicher (monetärer) Profitorientierung, ist nicht zu reformieren, näherhin dauerhaft, ökologisch und insbesondere menschenfreundlich weiterzuentwickeln, "ohne gesellschaftliche wie auch persönliche Veränderungen in Kauf zu nehmen" (S. 8), im Wissen darum, wie sehr Wirtschaft Gesellschaft ist und Gesellschaft immer schon mehr oder minder nachhaltig von den Prozessen des Wirtschaftsleben durchdrungen ist.
Um den einzelnen geht es also und - als sehr berechtigtes Anliegen der Autoren - darum, ein Menschenbild in die Wirtschaft zu implementieren, das Menschsein grundlegend dadurch gekennzeichnet sieht, dass es im Unterschied zum Tier die Sinnfrage stellt, sich von der Sinnfrage herausfordern lässt, Sinnerfüllung in seinem Leben sucht, wesentlich wert(e)bewusst und wert(e)fühlig ist und in seinem Gewissen stets eine Kontrolle für all sein Tun und Unterlassen erfährt.
Dem Buch von Schechner/Zsok ist eine 13-seitige Einführung mit der Überschrift "Menschenbild und Wirtschaft" vorangestellt, die als permanentes Vademecum benutzt und schon deshalb mehrmals gelesen werden sollte, weil sie in ihrer inhaltlichen Dichte das Anliegen der Autoren äußerst deutlich reflektiert und transportiert und so wertvoll ist, dass sich die nachfolgenden Seiten, wiewohl sehr gut bis brillant, "nur" noch als abundante, wenngleich durchaus notwendige Ausfältelung ihrer Gedanken geriert. "Samenkörner für Verhaltensänderungen" (S. 15) wollen die Autoren behutsam und absolut nicht indoktrinär aussäen mit dem sehr berechtigten Anliegen, "die Verantwortung für das Wachstum zum blühenden Baum" (ebd.) möge der Leser selber tragen, der sich seinerseits in drei Kapiteln über den Menschen als einem geistigen (S. 21-84), freien (S. 85-121) und verantwortlichen (S. 122- 168) Wesen informieren darf und damit konfrontiert wird, was jeweils das Geistige, was Freiheit und was Verantwortung für die Wirtschaft bedeutet.
Abseits der Orientierung des Menschen nach Macht und materiellem Reichtum, nach Lust, Geltung und Anerkennung, was alles im sog. Psychophysikum (Leib-Seele-Einheit) des Menschen verankert ist, geht es den beiden Autoren vornehmlich um die geistige Dimension des Menschen, um das ursprünglich und eigentlich Menschliche (das Humanum!), eine Sichtweise, die den Menschen als Leib-Seele-Geist-Einheit und -Ganzheit konzipiert und sich an der Logotherapie des Wiener Arzt-Philosophen Viktor E. Frankl orientiert mit dessen Axiom: "Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn!"
Wenn es möglich sein könnte, dass nicht, wie in der Regel, die Wirtschaft über den Menschen dominiert und ihn in gefährliche Abhängigkeit bringt, sondern dass der Mensch instand gesetzt zu werden vermöchte, seinerseits die wirtschaftlichen Prozesse zu lenken und zu dominieren, dann kann dies nur über den "Geist" gelingen, als subtile "Urkraft" und "geistiges Ich" eine letzte und unvergängliche Wirklichkeit, die heute nur allzu wenig diskutiert und meistens verwechselt wird mit diversen Emanationen des Gehirns, mit Denken, Intellekt und Verstand.
Wie der unvergängliche, nichtsterbliche und wesenhaft das Physisch-Körperliche und auch Psychische übersteigende, wie der in der Transzendenz gründende Geist den Menschen konstituiert und auf Wirtschaft und Gesellschaft einzuwirkend vermag, so dass der Mensch jenseits rein wirtschaftlicher Zwecke und psychophysischer Bedürfnisse ernst genommen wird als zutiefst sinnsuchendes und werterorientiertes Wesen, das zeigt vornehmlich Kapitel 1 ("Der Mensch ist ein geistiges Wesen"), in Aufbau, Logik und inhaltlicher Dichte ein brillanter Essay, der seinesgleichen sucht und sich von den beiden anderen Kapiteln abhebt, die ihrerseits durchaus und eigentlich schlüssiger als Einheitskapitel hätten konzipiert werden sollen: Der Mensch ist nämlich nicht nur frei zur Verantwortung, sondern es verhält sich doch so, dass Freiheit, soll sie nicht zügellos werden, stets auf Verantwortung verweist, d.h. durch sie "eingebremst" werden muss, und dass Verantwortung nur dort ist, wo auch Freiheit vorherrscht.
In Summa: Das vorliegende Buch ist nicht nur sehr empfehlenswert, sondern fürwahr ein unabdingbares Soll für jeden, der an den vielgestaltigen "Schrauben" in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu drehen privilegiert ist. Wird das von den Autoren propagierte, an Sinn und Wert orientierte neue Menschenbild von möglichst vielen Menschen internalisiert, dann verbleibt uns doch noch die Hoffnung, den endgültig entfesselten Prometheus (Hans Jonas) mit seinen gefährlichen Kräften und mit seiner rastlosen Umtriebigkeit zügeln zu können.
© Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern / Web: http://www.dr-bernhard-grimm.de/
Autorenporträts:
Dr. Otto Zsok ist Institutsdirektor und fachlicher Leiter des Süddeutschen Institutes für Logotherapie, Dozent und Lehrtherapeut.
Einige seiner Veröffentlichungen:
- Logotherapie in Aktion, 2002
- Vom guten und vom bösen Menschen, 2002
- Der religiöse Urquell, 2001
Erich Schechner ist Gastdozent beim Süddeutschen Institut für Logotherapie, Betriebswirt und Ingenieur mit logotherapeutischer Ausbildung.
Einige seiner Veröffentlichungen:
- Wertorientierte Unternehmensführung, 2004
- HOMO RES SACRA HOMINI, 2004
- Die Niedergeschlagenheit des homo faber, 2006
Kontaktinformationen:
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH
82256 Fürstenfeldbruck, Geschwister Scholl-Platz 8
Telefon: 08141-18041, Fax: 08141-15195
E-mail: info@logotherapie.de
Presse: Online-Redaktion, Winfried Brumma, München
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