Andreas Wingartz - An mir führt kein Weg vorbei. Humane Gesichtspunkte einer zeitgemäßen Führung
EOS-Verlag, St. Ottilien 2007, 145 Seiten, € 14,80, ISBN 978-3-8306-7291-3

Angesichts von zahlreichen Korruptionsmanagern, die uns die Medien in unseren Tagen permanent in unseren Alltag schwemmen und deren Gier so grenzenlos zu sein scheint wie ihre Spitzenfunktion, ist jedes Buch emphatisch zu begrüßen, das Unternehmensführung auf eine ethische, auf eine humane Basis zu gründen versucht und hierfür ein sinn- und wert(e)orientiertes Menschenbild zugrunde legt. 

Dies gilt uneingeschränkt auch für das Buch von Andreas Wingartz, das im ersten Teil (S. 23-88) gekonnt den Menschen als sinn-suchendes und ent-scheidendes, als freies und verantwortliches Wesen zeichnet, die Entscheidungsprozesse der Unternehmensführer als Wertediskussionen kennzeichnet und die oftmals ego-manen Selbstverwirklichungs-Tendenzen zurückbindet auf Sinn- und Werteverwirklichung, Selbstverwirklichung also sieht als Resultat und Erfolg des Strebens nach Sinn und Werten.

Eine humane Unternehmenskultur möge sich zu einer Kommunikationskultur wandeln, und die ist das Ergebnis der Persönlichkeitsbildung eines Menschen, ein Aspekt, den Wingartz nicht auslässt, jedoch nicht ausführlich genug expliziert. Er versucht freilich beredt, nicht nur den Themenkreis Humanität und Wirtschaftlichkeit zusammen zu bringen (Wirtschaftlichkeit trotz Humanität, besser gesagt, Wirtschaftlichkeit durch Humanität, S. 9), sondern auch die zwei wichtigsten Elemente, die Lebensführung und Unternehmensführung zu verbinden vermögen, explizit zu benennen, nämlich Werteorientierung und Sinnzentrierung. 

Wer jedenfalls als Führungsverantwortlicher nicht bereit ist, etwas für seine eigene Persönlichkeit zu tun, ist schlicht und einfach unqualifiziert, mag er auch noch so viele Diplome oder andere Leistungsnachweise besitzen. Es ist ein unabdingbares Muss für jeden Führenden zu prüfen, welche Persönlichkeitsauswirkung er ausübt und was daran im Sinne der Menschlichkeit und der Vertrauensbildung zu verändern ist.

Ethisch, und damit auf der Linie zum Humanum, ist eine Unternehmenskultur, wenn sie die Entwicklung eines Wertbewusstseins in der menschlichen Persönlichkeit zum Inhalt hat. Das heißt: Das auf der Basis einer konstruktiven Gewissensbildung erworbene und entwickelte Maß an Sittlichkeit ist die Vorbedingung für die Wertschätzung und Würde in der Kommunikation - sie lässt Freiheit zu, wie sie auch für sich Freiheit einfordert: Führen (also) durch Wertschätzen, ein Gedanke, der sich durch das ganze Buch virulent durchzieht und nicht nur im Themenkreis Wie kann echte Führung gelingen? (S. 92-96), Der Mensch steht im Mittelpunkt (S. 96-99) und Über die Motivation (S. 108-115) anklingt. Es ist fürwahr unbestritten, dass wichtig an einem Unternehmen nur die Menschen (sind), die dafür arbeiten, und der Geist, in dem sie es tun (H. Nordhoff) oder mit R.K. Sprenger gesagt: Die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Natürlich zeichnet Wingartz in beiden Teilen seiner Arbeit (im zweiten Teil erweist er sich als wahrer Kenner der Unternehmerszene! Vision, Mission, Strategie, S. 130- 133, Warum Werte wichtig sind, S. 133-145) ein idealtypisches Menschenbild, aber das ist gut so, denn schon Goethe hat die Idealtypik als ebenso richtig wie notwendig erachtet, wenn er uns ins Stammbuch schreibt: Wenn wir die Menschen so nehmen, wie sie sind, dann machen wir sie schlechter, als sie sind; wenn wir sie aber so nehmen, wie sie sein sollen, dann machen wir sie zum dem, was sie sein können.

Ein idealisierendes Menschenbild ist immer dort nötig, wo wir dem Menschen auf eine höhere (geistige) Ebene seines Menschseins elevieren wollen, jenseits der totalen Verhaftung im Psychophysikum seiner Triebstruktur, und dies gilt auch hinsichtlich eines sittlichen, d.h. humanen Anforderungsprofils von Verantwortungsträgern, also Führungskräften oder Unternehmensleitern, die sich durch soziale, ethische und interaktiv-kommunikative Kompetenz als führungsgeeignet auszuweisen haben.

Führen heißt letztlich nicht nur, sich auf den ganzen Menschen einzustellen, wobei die ganze Bedürfnis- und Erwartungspalette des Mitarbeiters ebenso zu berücksichtigen ist wie zu wissen, welche Werte ihm wichtig sind und was für ihn Sinn macht, sondern es muss auch mitbedacht werden, dass Führung, die sich irgendwie legitimieren will, an erster Stelle nachweisen muss, dass sie sowohl die Persönlichkeit des Führenden als auch die des Geführten eher entwickelt als zerstört.
Dann erst kann uneingeschränkt gelten: Verantwortetes Führen als Menschenführung muss in einer reifen Persönlichkeit verankert sein, was bedeutet, dass die Führungsfähigkeit in das Postulat einer kontinuierlichen Persönlichkeitsbildung eingebunden werden sollte.

Der Autor weiß sehr wohl, dass nicht jeder, der in der vorder(st)en Riege eines Unternehmens steht, von vornherein und eben deshalb auch schon menschlich reif (genug) ist, ein Führender zu sein. M.a.W.: Menschen, die nach ihrer sozial-hierarchischen Einstufung Führungskräfte sind, bedürfen selbst noch stark der Führung, oder anders gesagt: Wer Menschen führen will, möge gelernt haben, sich selbst zu führen, wie dies bereits Peter F. Drucker ausformuliert hat: Nur wenige Führungskräfte sehen ein, dass sie letztlich nur eine einzige Person führen können und auch müssen.
Diese Person sind sie selbst. Persönlichkeit ist eben nicht nur reine Vorgegebenheit, sie ist vielmehr eine Aufgabe! Nur wenn man dies ernsthaft bedenkt, vermag man Führung aus dem rein sub-humanen Sumpf herauszuziehen. Das Anliegen Wingartz, dies mit humane(n) Gesichtspunkten einer zeitgemäßen Führung zu bewerkstelligen, ist mehr als dankenswert.

Das vorliegende Buch, das auf mehreren Seiten auch noch weiterführende Literatur empfiehlt und sich in seiner Gedankenführung auf kompetente, jedoch nie aufdringlich anbiedernde Weise an der Logotherapie des Arzt-Philosophen Viktor E. Frank orientiert (Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn), ist sehr empfehlenswert und gehört in die Hand eines jeden, der Wirtschaft und Humanität, Sinn und Wert, Führung und Sittlichkeit zusammen zu bringen privilegiert ist. 

© Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern / Web: http://www.dr-bernhard-grimm.de/

Autorenporträt:
Andreas Wingartz ist Qualitätsmanager und Betriebsleiter in einem mittelständischen Betrieb, und absolvierte Studien des Maschinenbaus und der Logotherapie.

Kontaktinformationen:
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH
82256 Fürstenfeldbruck, Geschwister Scholl-Platz 8
Telefon: 08141-18041, Fax: 08141-15195
E-mail: info@logotherapie.de

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Presse: Online-Redaktion, Winfried Brumma, München
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Rezension zu Erich Schechner / Otto Zsok - Sinn-Funken - Ein neues Menschenbild für die Wirtschaft
EOS-Verlag, St. Ottilien 2007, 189 Seiten, € 14,80, ISBN 978-3-8306-7289-0

Gleichwohl mit einem leisen Schmunzeln wie mit einem heftigen Bedauern sei an Karl Kraus erinnert, der von einem Studenten gefragt wurde, wie er denn Wirtschaftsethik studieren könne, und geantwortet hat: "Gar nicht - sie müssen sich schon für eines von beiden entscheiden".

Dieses zynische Missverständnis spiegelt mustergültig nicht nur die Diskrepanz zwischen Ethikanspruch und Lebensvollzug wider, sondern verweist auch deutlich auf den nach wie vor gängigen Widerspruch zwischen Ökonomie und Sittlichkeit, zwischen wirtschaftlichem Tun und moralischem Wohlverhalten, zwischen Unternehmensinteressen und allgemein ethischen Wertvorstellungen. Angesichts rigoroser Gewinnmaximierungstheorien und einer maßlosen Erfolgsbesessenheit, im Blick auf die endlose Huldigung an die Egozentrizität oder Ego-Manie oder Pleonexie (Daseinsgier) des Menschen und auf einen gnadenlosen Leistungsfetischismus sowohl in der Gesellschaft als auch im gesamten Wirtschaftsbereich werden wir einer Sensibilisierung für ethische Fragestellungen absolut nicht gewahr.

Wenn aber der Mensch definiert werden darf als wesentlich ent-scheidendes Wesen, was heißt, dass er permanent und dies täglich und sekündlich entscheiden muss, was er tut oder unterlässt oder was er wird, wenn das menschliche Leben insgesamt aus einer ununterbrochenen Abfolge von Entscheidungen besteht, dann muss durchaus die Frage sein, ob es jeweils in unser reines Belieben gestellt ist, wie wir uns entscheiden - es muss abseits reiner Willkür und Laune gefragt werden dürfen, ob es nicht doch objektive und allgemein gültige Normen, Werte, Ziele und Orientierungen gibt, die bei jeder Entscheidungsfindung zu berücksichtigen sind - es muss nach dem Menschenbild gefragt werden, das gesellschaftlich-wirtschaftliches Leben gestaltet und auf das die Gesellschaft und die Wirtschaftswelt zurückwirkt, prägend und belastend, destruktiv oder im besten Falle konstruktiv.

Es ist kaum hoch genug anzusetzen, wenn sich da zwei Autoren kompetent und feinsinnig auf den Weg machen, (doch noch Moral und) Sinnspuren in der Wirtschaft zu entdecken und im Wissen, wie sehr Menschenbilder den arbeitenden Menschen sowohl im Handeln als auch im Erleben - und dies in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, in Gesellschaft und im Unternehmen - nachhaltig prägen, einen Menschen zu zeichnen versuchen, in dem sich das spezifisch Humane widerspiegelt, nämlich Geistigkeit, Freiheit, Verantwortung und eine wesentliche Orientierung auf Sinn und Wert(e) ebenso wie auf das personale Gewissen.

Die Frage nämlich, was der Mensch in seinem innersten Wesen sei, kann nicht als irrelevant abgetan und an eine Psychologie oder Anthropologie abgetreten werden, die den Menschen nur als höheres Erdenmenschentier deklariert, das nur reagiert und sich abreagiert, also eingebunden ist in ein wirkmächtiges Arsenal aus Gier, Trieben und egozentrischen Wollungen aller Art, demnach nur eine mit psychischen Funktionsmustern durchwirkte elektrochemische Substanz ist, ein von Trieben und Bedürfnissen gesteuerter und steuerbarer Reaktionsautomat, eine Marionette, gezogen an den Schnüren aus Erbgut und Umweltweinflüssen.

Dagegen steht ein Menschenbild, das in freier Entscheidungsmächtigkeit und wesenhafter Bezogenheit auf Sinn und Wert(e) hin auf sich selber einzuwirken vermag (den Bedürfnissen trotzt!) und autonom in die Welt hinein agiert, und dies alles zu verantworten hat. Eine solche Sicht des Menschen "kann auch für eine humane Wirtschaft eingesetzt werden, um dem arbeitenden Menschen das Wesentliche zu geben, nämlich die Möglichkeit von Sinnerfüllung. Es ist ein Grundbedürfnis von uns, dieses Menschenbild in die Wirtschaft zu tragen" (S. 30).

Eine Wirtschaft, abseits von reinem Nützlichkeitsdenken und ausschließlicher (monetärer) Profitorientierung, ist nicht zu reformieren, näherhin dauerhaft, ökologisch und insbesondere menschenfreundlich weiterzuentwickeln, "ohne gesellschaftliche wie auch persönliche Veränderungen in Kauf zu nehmen" (S. 8), im Wissen darum, wie sehr Wirtschaft Gesellschaft ist und Gesellschaft immer schon mehr oder minder nachhaltig von den Prozessen des Wirtschaftsleben durchdrungen ist.
Um den einzelnen geht es also und - als sehr berechtigtes Anliegen der Autoren - darum, ein Menschenbild in die Wirtschaft zu implementieren, das Menschsein grundlegend dadurch gekennzeichnet sieht, dass es im Unterschied zum Tier die Sinnfrage stellt, sich von der Sinnfrage herausfordern lässt, Sinnerfüllung in seinem Leben sucht, wesentlich wert(e)bewusst und wert(e)fühlig ist und in seinem Gewissen stets eine Kontrolle für all sein Tun und Unterlassen erfährt.

Dem Buch von Schechner/Zsok ist eine 13-seitige Einführung mit der Überschrift "Menschenbild und Wirtschaft" vorangestellt, die als permanentes Vademecum benutzt und schon deshalb mehrmals gelesen werden sollte, weil sie in ihrer inhaltlichen Dichte das Anliegen der Autoren äußerst deutlich reflektiert und transportiert und so wertvoll ist, dass sich die nachfolgenden Seiten, wiewohl sehr gut bis brillant, "nur" noch als abundante, wenngleich durchaus notwendige Ausfältelung ihrer Gedanken geriert. "Samenkörner für Verhaltensänderungen" (S. 15) wollen die Autoren behutsam und absolut nicht indoktrinär aussäen mit dem sehr berechtigten Anliegen, "die Verantwortung für das Wachstum zum blühenden Baum" (ebd.) möge der Leser selber tragen, der sich seinerseits in drei Kapiteln über den Menschen als einem geistigen (S. 21-84), freien (S. 85-121) und verantwortlichen (S. 122- 168) Wesen informieren darf und damit konfrontiert wird, was jeweils das Geistige, was Freiheit und was Verantwortung für die Wirtschaft bedeutet.

Abseits der Orientierung des Menschen nach Macht und materiellem Reichtum, nach Lust, Geltung und Anerkennung, was alles im sog. Psychophysikum (Leib-Seele-Einheit) des Menschen verankert ist, geht es den beiden Autoren vornehmlich um die geistige Dimension des Menschen, um das ursprünglich und eigentlich Menschliche (das Humanum!), eine Sichtweise, die den Menschen als Leib-Seele-Geist-Einheit und -Ganzheit konzipiert und sich an der Logotherapie des Wiener Arzt-Philosophen Viktor E. Frankl orientiert mit dessen Axiom: "Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn!"

Wenn es möglich sein könnte, dass nicht, wie in der Regel, die Wirtschaft über den Menschen dominiert und ihn in gefährliche Abhängigkeit bringt, sondern dass der Mensch instand gesetzt zu werden vermöchte, seinerseits die wirtschaftlichen Prozesse zu lenken und zu dominieren, dann kann dies nur über den "Geist" gelingen, als subtile "Urkraft" und "geistiges Ich" eine letzte und unvergängliche Wirklichkeit, die heute nur allzu wenig diskutiert und meistens verwechselt wird mit diversen Emanationen des Gehirns, mit Denken, Intellekt und Verstand.

Wie der unvergängliche, nichtsterbliche und wesenhaft das Physisch-Körperliche und auch Psychische übersteigende, wie der in der Transzendenz gründende Geist den Menschen konstituiert und auf Wirtschaft und Gesellschaft einzuwirkend vermag, so dass der Mensch jenseits rein wirtschaftlicher Zwecke und psychophysischer Bedürfnisse ernst genommen wird als zutiefst sinnsuchendes und werterorientiertes Wesen, das zeigt vornehmlich Kapitel 1 ("Der Mensch ist ein geistiges Wesen"), in Aufbau, Logik und inhaltlicher Dichte ein brillanter Essay, der seinesgleichen sucht und sich von den beiden anderen Kapiteln abhebt, die ihrerseits durchaus und eigentlich schlüssiger als Einheitskapitel hätten konzipiert werden sollen: Der Mensch ist nämlich nicht nur frei zur Verantwortung, sondern es verhält sich doch so, dass Freiheit, soll sie nicht zügellos werden, stets auf Verantwortung verweist, d.h. durch sie "eingebremst" werden muss, und dass Verantwortung nur dort ist, wo auch Freiheit vorherrscht.

In Summa: Das vorliegende Buch ist nicht nur sehr empfehlenswert, sondern fürwahr ein unabdingbares Soll für jeden, der an den vielgestaltigen "Schrauben" in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu drehen privilegiert ist. Wird das von den Autoren propagierte, an Sinn und Wert orientierte neue Menschenbild von möglichst vielen Menschen internalisiert, dann verbleibt uns doch noch die Hoffnung, den endgültig entfesselten Prometheus (Hans Jonas) mit seinen gefährlichen Kräften und mit seiner rastlosen Umtriebigkeit zügeln zu können.

© Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern / Web: http://www.dr-bernhard-grimm.de/

Autorenporträts:
Dr. Otto Zsok ist Institutsdirektor und fachlicher Leiter des Süddeutschen Institutes für Logotherapie, Dozent und Lehrtherapeut.
Einige seiner Veröffentlichungen:
- Logotherapie in Aktion, 2002
- Vom guten und vom bösen Menschen, 2002
- Der religiöse Urquell, 2001

Erich Schechner ist Gastdozent beim Süddeutschen Institut für Logotherapie, Betriebswirt und Ingenieur mit logotherapeutischer Ausbildung.
Einige seiner Veröffentlichungen:
- Wertorientierte Unternehmensführung, 2004
- HOMO RES SACRA HOMINI, 2004
- Die Niedergeschlagenheit des homo faber, 2006

Kontaktinformationen:
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH
82256 Fürstenfeldbruck, Geschwister Scholl-Platz 8
Telefon: 08141-18041, Fax: 08141-15195
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Macht war (und ist) stets Macht über andere, also mehr oder minder immer Ausbeutung und Unrecht, und zwar nahezu ausschließlich den Schwächeren und Ohnmächtigen gegenüber.

In der Menschheitsgeschichte als einer ununterbrochenen Geschichte der Macht lässt sich zu allen Epochen das unbändige Verlangen des Menschen feststellen, über andere zu herrschen und sie niederzudrücken, sie auszurotten, zu diffamieren und zu degradieren, sie zu verknechten und zu töten. 

In diesem extrem dualistischen Kräfteparallelogramm zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Herrschaft und grausamen Abhängigkeitsverhältnissen gab es stets Verlierer, Menschen also, die den kürzeren ziehen mussten - und darunter waren immer und insbesondere Frauen. 

„Sie schnitten mir mit einer Rasierklinge ein Stück Fleisch zwischen den Beinen heraus - hernach nähten sie mich mit einem Schafdarm regelrecht zu.“ Vorsichtige Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sprechen von 80 Millionen - andere nicht weniger glaubwürdige Statistiken von 130 Millionen! - Frauen und Mädchen, die allein in Nord- und Zentralafrika die schreckliche Erfahrung der Klitorisbeschneidung erleben müssen. 

In Ägypten, so verraten mutige Soziologinnen, sind 70% aller Städterinnen und 90% der Landbewohnerinnen beschnitten. Mehr als 100.000 Mädchen sterben alljährlich an dieser schmerzhaften Tortur. Die fundamentale Abwertung der Frau und des Weiblichen kann kaum einen stärkeren Ausdruck erhalten als gerade in der Verstümmelung der weiblichen Genitalien - sie ist Vernichtung der Frau als Frau in ihrer zu ihrem Wesen gehörigen Sexualität und ein brutaler Schnitt in ihre Seele, die von dieser Verletzung nie wieder heil wird.

Genitalverstümmelung ist ein Akt der Unterdrückung, der Missachtung und Misshandlung, der die Frauen ausgesetzt sind, weil sie Frauen sind. Gegenüber solch widerlichen patriarchalischen Denkmustern muss global propagiert werden: Menschenrechte sind nicht Männerrechte! 

Im Jahre 1793 wurden in Posen die letzten Hexen verbrannt - von wegen Hexenverfolgung im vermeintlich „dunklen“ Mittelalter! Die Erinnerung an Völkermorde an Juden, Armeniern oder Kurden wird in den Medien stets neu aufgekocht - ins Vergessen gedrängt wird jedoch das unmenschliche Spektakel des Hexenwahns, das unbeschreibliche Unrecht millionfachen Mordes an unschuldigen Frauen als angeblich mit Satan selbst liierten Hexen. 

Die Verteufelung des Weibes hat eine lange Geschichte, und schon der männliche Verfasser des Schöpfungsberichts hat für den Beginn der Menschheitsgeschichte im billigen Schuldabwälzungsversuch Adams an Eva den Akkord für die Minderbewertung der Frau angeschlagen: „Die Frau, die Du mir beigesellt hast, sie hat mir vom Baum zu essen gegeben- und so aß ich.“

In diesem Adam-und-Eva-Mythos - die Frau kam als Zweite in die Welt und hat als Erste gesündigt! - liegt die Grundlage für männliche Schuldverschiebung und für weibliche Urschuld. Die Frau (Eva) als Verführerin und als Komplizin Satans, die Gleichsetzung von Eva mit dem Bösen, dies hat schon Tertullian (2. Jhdt) sagen lassen: „Du bist das Tor des Satans ... du hast den Tod verdient, und stattdessen musste der Sohn Gottes sterben.“ 

500 Jahre lang verbrannte man „Hexen“, unschuldige Mädchen und Frauen, Hebammen vornehmlich und weise Frauen, und meinte damit die Urkraft des Eros der Frau, letztlich auch die Urkraft des eigenen Sexualtriebs, den der Mann (und zölibatäre Kleriker) nicht wahrhaben wollte und durfte. Für Folter und Verbrennung waren stets Männer die Denunzianten, Ankläger und Richter, die sadistischen Folterer und Scharfrichter. Schätzungen belaufen sich auf eine bis zu neun Millionen Opfer des Wahnsinns der Hexenprozesse! 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat man (und dies bis in die Gegenwart hinein) nicht nur einen verwerflichen Dualismus zwischen Mensch und Natur, sondern auch zwischen Frau und Mann aufgetürmt gleichsam als gänzlich unversöhnliche Polarität: böse - gut, minderbemittelt - höherwertig, und dies in totaler Verkennung der unumstößlichen Wahrheit, dass der Archetyp der Frau und des Weiblichen Gott oder dem Göttlichen sehr viel verwandter ist als das Prinzip des Männlichen. 

Denn die Entstehung des Lebens selbst, sein Sterben und seine Wiedergeburt im Laufe der Natur kündet von einem Mysterium, dem die Frau - in Mythos und Geschichte - wesentlich näher steht als der Mann! Nicht nur für den griechischen Philosophen Aristoteles war die Frau ein unfertiger, missglückter und defekter „Mann“, also auf einer tieferen Stufe der Entwicklungsleiter stehengeblieben und in ihrem Entstehungsvorgang entgleist und fehlgesteuert, auch für den großen Theologen Thomas von Aquin war die Frau ein verfehltes und verstümmeltes Männchen, etwas, das nicht in sich beabsichtigt ist, sondern von einem Defekt herrührt. Bernhard von Clairvaux nennt das Weib ein primitives, minderwertiges Geschlechtswesen, ein unvollkommenes Tier(!). 

Die christliche „Frauenfeindlichkeit“ hat letztlich biblischen Hintergrund. Schon im Schöpfungsbericht, Genesis 3 Vers 16, wird ein Akkord angeschlagen, der im Abendland deutlich nachklingt in der Unterdrückung der Frau bzw. in der Vorherrschaft des Mannes: “Und zum Weib sprach Jahwe: Mehren will ich Deine Beschwernis, in Beschwer sollst Du Kinder gebären. Nach Deinem Manne sei deine Begier, er aber soll Dein Herr sein!“ 

Der Gott des Alten Testaments spricht hier die Liebe wie einen Fluch aus: Der Patriarchalismus wird zur ersten Strafe - die Liebe wird sich in ein Machtgefälle verändern. An dem Umstand, dass die Genesis die Frau zur Untergebenen des Mannes gemacht hat, ist das Fatale dies: Es hat sich nicht nur die gesamte abendländische Kultur daran orientiert, sondern diese Aussage hat den Machtanspruch des Mannes, die Zweitrangigkeit und die Nachordnung der Frau hinter dem Manne quasi aus göttlicher Ordnung und Allmacht legitimiert und als natürliche Schöpfungsordnung festgeschrieben. 

Man hat die Bibel immer selektiv gelesen und interpretiert, wobei die Theologen so gut wie ausschließlich Männer waren. So hat denn Genesis 1,27 keine Wirkungsgeschichte gehabt: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.“ Hier ist ganz eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass die Frau in gleicher Weise an der Gottebenbildlichkeit teilhat wie der Mann - in unmissverständlicher Klarheit formuliert der Text die Gleichwertigkeit, die gleiche Würde und gleiche Stellung der Frau! 

Doch diese Passage verpuffte mehr oder minder im Erbe der jüdisch-christlichen Vaterreligion, wo Gott zum patriarchalisch-dominanten Herr-Gott (Herrscher, König, Heerführer, Weltenlenker, Richter, Herr der Heerscharen etc.) avancierte. Der Mann schuf (sich) Gott nach seinem (eigenen) Bilde, nämlich zum Herrn, zum Herrscher und Patriarchen, und die Männerwelt (Theologie war ohnehin stets das Geschäft der Männer!) stellt(e) sich Gott so vor, wie man(n) sich eben einen Menschen in seiner besseren Ausführung vorstellt, nämlich: als Mann. Wenn die Menschen sich Gott männlich vorstellen, dann sind nun mal alle Männer „gottähnlicher“ als die Frauen! 

Patriarchat ist, wenn Männer (oder die von ihnen geschaffenen gesellschaftlichen Normen) über das Leben und über den Wert der Frauen entscheiden. Es gibt jedoch absolut keinen philosophischen, theologischen oder psychologischen Grund, der auch nur entfernt zuließe, die Höherwertigkeit des Mannes zu beweisen bzw. die Frau oder das Weibliche abwerten zu dürfen. 

Im Gegenteil, die panische Angst der Männer vor Machteinbuße und Machtverlust lässt sagen: Ohne Macht und Penis, nur auf ihr nacktes Menschsein reduziert, bleibt bei vielen Männer verdammt wenig übrig, was einigermaßen begründet Rückschlüsse ziehen ließe auf eine reife und ganzheitliche, auf eine „runde“ = ausgewogene, ausbalancierte und (auch emotional) gesunde Persönlichkeit. Nicht das größere Quäntchen Gehirnmasse, sondern der größere Bizeps schuf den Macho und damit das Bewusstsein der männlichen Höherwertigkeit! 

Wenn bei den männlichen Primaten als den Vorläufern der menschlichen Spezies festzustellen ist, dass sie nie aufgehört haben, von Generation zu Generation - und beim Menschen: von Kultur zu Kultur - die Weibchen zu dominieren und ihre Kampfüberlegenheit in eine Vorherrschaft über das scheinbar schwächere und weniger kämpferische Geschlecht umzusetzen, dann ist hier der eigentlich springende Punkt der: Die Gründe für diese Dominanz lag im (rein) Biologisch-Physiologischen. 

Und das heißt: Von Anfang an waren die Männchen kräftiger gebaut als die Weibchen und daher eher fähig, diese zu schikanieren und zu malträtieren. Dazu kommt, dass in den frühesten Jägerkulturen der Mann deshalb sehr großes Ansehen genoss, weil er auf der Jagd (generell) und im Kampf gegen große und wilde Tiere (speziell) dem Tod die Stirn bot und damit seine Überlegenheit über die Natur bewies: Auf dem Tötenkönnen und Tötendürfen beruhte seine Macht über die Tiere, über die Natur, über die Welt, über die Menschen. 

So blieb denn das Geschäft des Krieges (im engeren und im weiteren Sinne des Aggressiven und Kämpferischen) und damit das Töten bis zum heutigen Tage die Domäne des Mannes, und der Krieg war damals wie heute und im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte das symmetrische Gegenstück zur Mutterschaft, das Gegenstück zum Prinzip der Schaffung und Hege, der Förderung und Bewahrung von Leben! Jedenfalls lässt sich (abseits moralischer Bewertung) mit Fug und Recht behaupten: 

Die Frau ist der bessere Mensch, und zwar insofern, als Frauen in einem sehr viel intensiveren, in einem dichteren, tieferen, umfassenderen und integrativeren Sinne Menschsein verwirklichen als die kopflastigen, auf Kontrolle, äußere Macht und Leistung, auf Zweckrationalismus und Verstandeseinseitigkeit gepolten Männer mit ihrer überheblichen Penis-/Potenzfixiertheit und gockelhaften Überlegenheitsallüre. 

Ein Anfang des Endes des Patriarchats lässt sich erst feiern, wenn die Frauen sich solidarisieren und ihren Wert als Frau erkennen und sich nicht mehr vom Manne her definieren, einerseits, und wenn die Männer sich bequemen, Abschied zu nehmen von Gewinnermentalität und Überlegenheitsallüre und bereit sind zum Machtverzicht und zu einer Art von „Entmännlichung“ im Sinne zunehmender Emotionalisierung, andererseits. Noch immer lehrt man die Söhne, Männlichkeit hieße, nicht weiblich zu sein. Durch dieses Delegieren emotionaler Kräfte im Manne an die Frau hat sich der Mann innerlich selbst enteignet und ist zunehmend verödet. 

Es ist eine eklatante Verkürzung des Menschseins, wenn im Manne die Qualitäten ihrer „anima“, nämlich Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Hingabe, Einfühlung, Mitleid und Barmherzigkeit etc. abgespaltet und als weibisch diffamiert werden. Eine Feminisierung des Mannes trägt dem ursprünglichen Primat des Emotionalen vor dem Rationalen Rechnung und weiß, dass wir allesamt emotionale Wesen sind, und dies von frühester Kindheit an. Daher ist es Ausdruck seelischer Reife und ein elementares Stück psychischer Normalität, Gefühle zu haben, sie zuzulassen, sie zu kultivieren und zu zeigen, und sie beim andern anzuerkennen. 

Die zwei Geschlechter sind nicht gleich, kaum ähnlich. Und doch ist Harmonie und Balance zwischen den Geschlechtern insofern angesagt, als beide die femininen und maskulinen Eigenschaften in sich selber (Dur-Moll, Yin-Yang, anima-persona) ausbilden sollen. Man bringe das Weibliche und Männliche ins Gleichgewicht, dann bringt man auf magisch-geheimnisvolle Weise die Welt ins Gleichgewicht. 

Jedenfalls dürfen die Frauen in keinem Falle dem scheinbar unausrottbaren Missverständnis aufsitzen, als ginge es auch nur entfernt darum, zu werden wie die Männer. Wenn schon Transformation, dann keine zu mehr Frau- oder Mann-Sein, sondern nur eine solche zur Ganzheitlichkeit, und damit zu menschlicher Integrität, die keine Wertung, schon gar nicht eine Abwertung von weiblich und männlich zulässt. 

Mehr zum Thema in: Bernhard A. Grimm, „Die Frau - der bessere Mensch. Plädoyer gegen die uralte Abwertung des Weiblichen“, Ephata Verlag, Pfaffenhofen 1999. 

Weitere Publikationen von Dr. phil. Bernhard A. Grimm: http://www.dr-bernhard-grimm.de/

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Presse: Online-Redaktion, Winfried Brumma, München
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